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Graz, 20. Juli 2014

“The Great Reset” — Was sich durch die große Krise ändern wird …

Von Franz Zuckriegl (fz)

 

Richard Florida, Vordenker der “Creative Class“, analysiert in seinem neuen Buch “The Great Reset: How New Ways of Living and Working Drive Post-Crash Prosperity“* die aktuelle Wirtschaftskrise vor dem Hintergrund der “Langen Depression” in den USA ab den 1870er-Jahren und der “Großen Depression” in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts. Beide große Krisen beschleunigten Innovationen und waren Auslöser für neue Raumlösungen, so genannte “Spatial Fixes”: So entstanden in Folge der Krise in den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts die Industriestädte und nach der Großen Depression der Dreißigerjahre entwickelten sich die Vorstädte als neue Raumlösung in den USA. “The Great Reset” ist eine spannend zu lesende Geschichte der Wirtschaft und Wirtschafts-Geographie mit verblüffenden Parallelen zur Entstehung und den Auswirkungen der aktuellen Krise des 21. Jahrhunderts. Richard Floridas neuestes Buch ist als “Reset. Wie wir anders leben, arbeiten und eine neue Ära des Wohlstands begründen werden“** erstmals auch in deutscher Sprache erschienen.

 

Die Rezeption Floridas im deutschen Sprachraum ist eine eigene Geschichte und die Problematik zeigt sich schon in der Übersetzung des Untertitels. Jedenfalls sollte der Reset auf Deutsch dabei helfen, dass Florida nicht nur als “Creative-Class-Guru” angehimmelt oder abgelehnt, sondern als Urbanist und Wirtschaftswissenschaftler ebenso wie als Autor ernster genommen werden kann.

 

Der erste große Reset ab 1873

 

Wirtschaftskrisen sind der Auftakt für entscheidende Phasen der Umgestaltung, “in denen sich die Wirtschaft erholen und wieder wachsen kann. Solche Phasen bezeichne ich als großen Reset”, schreibt Florida (S 18). Ein Beispiel für die technologischen Revolutionen des ersten Resets sind die Erfindungen von Thomas Edison, der mehr als die Glühlampe erfunden hat, nämlich die komplette Infrastruktur für die Erzeugung und Verteilung von Strom (S 27): “Edisons Denkfabrik brachte sämtliche Komponenten dieses Stromnetzes hervor: Generatoren, Schalter, Sicherungen, Steckdosen und so weiter.”

 

Als Raumlösung bzw. “Spatial Fix” zu diesen technischen Innovationen entstanden die großen Industriestädte. Zwischen 1870 (es gab noch keine einzige Millionenstadt in den USA) und 1900 stiegen die Einwohnerzahlen sprunghaft: New York wuchs von 942.000 auf 3,4 Millionen Einwohner, Philadelphia von 550.000 auf 1,3 Millionen und Chicago von 300.000 auf 1,3 Millionen. Auch neue größere Industriestädte wie Pittsburgh, Detroit und Cleveland entstanden zu dieser Zeit (S 34). Ebenfalls als Folge dieses ersten großen Resets wurde in den USA massiv in Bildung investiert, denn die Einwanderer in die Fabriken brauchten Bildung. Und es entstanden auch Ingenieurschulen auf höchstem Level wie das Bostoner MIT (S 31f).

 

Der Börsenkrach als Auslöser des zweiten großen Resets

 

Der New Yorker Börsenkrach 1929 mündete in die “Große Depression” der Dreißigerjahre. Bemerkenswert war, dass sich damals die Investitionen in F&E verdoppelten und die Dreißigerjahre als “das Jahrzehnt der großen technischen Fortschritte” mit enormen Produktivitätssteigerungen in die Geschichte eingegangen sind (S 41ff).

 

Und während sich in den Vierzigerjahren das Wirtschaftsrad immer schneller zu drehen begann, bildete sich der zweite ”Spatial Fix” ab: Der Rück- bzw. Einzug der Menschen in die Vorstadt — “die Suburbanisierung als Raumlösung des Industriezeitalters”, wie Florida schreibt (S 63).

 

Erstaunlich für einen Europäer ist, dass Florida bei seiner Analyse über den zweiten großen Reset zwischen den Dreißiger- und Sechzigerjahren den Zweiten Weltkrieg und die Folgen des europäischen Wiederaufbaues auch für die US-amerikanische Wirtschaft mit keinem Wort erwähnt. Haben doch die Amerikaner selbst die “neuen europäischen Raumlösungen” nach dem Krieg in politischer und v.a. auch wirtschaftlicher Hinsicht wesentlich mitgestaltet.

 

Die aktuelle Krise als Startpunkt des großen Resets im 21. Jahrhundert

 

Richard Florida sieht in den “Spatial Fixes” den Schlüssel zu jedem “großen Reset” (S 56f): “Es ist ein Zyklus, der in fünf Phasen verläuft. In der ersten Phase zu Beginn einer Krise brechen alte Institutionen zusammen, und Unternehmen und Konsumenten schränken ihre Ausgaben ein. In der zweiten Phase kommt es zur Entwicklung und Markteinführung von Innovationen. In einem dritten Schritt entwickeln Unternehmer aus diesen neuen Technologien größere und bessere technische Systeme. In der vierten Phase schaffen öffentliche und private Investitionen in die Infrastruktur von Energie, Verkehr und Kommunikation das umfassende Gerüst einer neuen Wirtschaftslandschaft und erhöhen das Tempo des urbanen Lebens. In der fünften Phase entsteht schließlich eine neue Raumlösung und bringt eine neue Wirtschaftslandschaft hervor, die der verbesserten Produktivität der zugrunde liegenden Wirtschaft besser entspricht. Auf diese Art materialisiert sich eine neue Lebensweise, die ein starkes neues Konsumverhalten entfesselt und so das Wirtschaftswachstum schüren kann.”

 

Und in welcher Phase befinden wir uns gerade? Folgt man Floridas Ideen und Analysen, stehen wir in den westlichen Industrieländern wohl gerade in den Phasen zwei und drei, während der technologische Innovationen entwickelt und auf den Markt gebracht werden. Interessant ist nun, was Florida als neue Raumlösung des dritten Resets voraussagt. Seine Ideen der “Creative City” weiterführend, sieht er den “Spatial Fix” der Zukunft in der “Megaregion”. Will heißen, dass wir in fünfzig Jahren, wenn wir auf die große Krise der Jahre 2008 und 2009 als Startpunkt des dritten großen Resets zurückblicken, sehen werden, dass in den Zehner- und Zwanzigerjahren des 21. Jahrhunderts die großen Städte zu Megaregionen zusammengewachsen sind (S 171ff): Boston, New York, Philadelphia, Baltimore und Washington D.C. zu “Bos-Wash” (mehr als 50 Mio. Einwohner), der Raum um Chicago und Pittsburgh zu “Chi-Pitts” (46 Mio. Einwohner), Atlanta, Charlotte und Raleigh-Durham (22 Mio. EW) zu Char-lanta usw. usf.

 

Die Raumlösung “Megaregion”

 

“Nicht einzelne Staaten, sondern die Megaregionen sind der eigentliche Motor der Weltwirtschaft”, schreibt Richard Florida (S 172f). Ganz im Gegensatz zu Thomas L. Friedmans Bestseller “The World is Flat” sieht er die Welt durch die Globalisierung und neue Technologien eben nicht “flach” werden, sondern ganz im Gegenteil in den Megaregionen real verdichtet und gleichsam aufgetürmt — physisch wie geistig. Diese Megergionen werden allerdings “schnelle und grüne Gebiete” sein, die v.a. von den Größenvorteilen einer Infrastrukturnutzung für viele Millionen Menschen profitieren.

 

An dieser Stelle des Denkens kommen dann Europa und Japan ins Spiel.

 

Vorboten der Zukunft

 

Als wesentliche Infrastruktur für die neue Raumlösung Megaregion sieht Florida Hochgeschwindigkeitszüge, wie es sie in Frankreich, Spanien, Deutschland, Japan und auch China schon gibt bzw. wie sie gerade geplant und gebaut werden. Entlang dieser neuen Trassen, die die Megaregionen zeitlich zusammenwachsen lassen, sieht Florida neue Stadt- und Raumlösungen entstehen. Solche Investitionen müssten natürlich auch in den USA von staatlicher Seite erfolgen. In gewisser Hinsicht habe eine solche Infrastruktur, schreibt Florida in einem für Mitteleuropäer mehr als vertrauten Postulat (S 202), “Ähnlichkeit mit staatlicher Unterstützung für die Grundlagenforschung in der Medizin und den Naturwissenschaften”.

 

Wer jetzt allerdings gedacht hat, dass Florida als “Leftist” und den US-Demokraten Nahestehender ganz grundsätzlich einem verstärkten Staatsinterventionismus zur Bewältigung des aktuellen großen Resets die Lanze bricht, liegt falsch.

 

Abschied vom alten Dreamteam

 

Für Florida hängt die aktuelle Krise auch mit der “dritten Industriellen Revolution” zusammen, also mit dem Wandel von der Industrie- zur Wissens- und Kreativgesellschaft (S 137).  Im Übrigen bleibt die Krisen-Betrachtung traditionell: “Es ist Zeit, dass wir aufhören, das Verschieben von Geld mit der Schaffung von echtem Wohlstand zu verwechseln. Wenn wir wieder eine florierende Wirtschaft haben wollen, müssen wir vom Finanzkapitalismus wegkommen und zur Realwirtschaft zurückkehren, die ihren Namen zu Recht trägt: Wir müssen wieder in Technologie, Humankapital und eine Infrastruktur investieren, die langfristiges Wirtschaftswachstum ermöglichen.”

 

Die Krise war wesentlich der US-amerikanischen Idee der “Eigentümergesellschaft” geschuldet: Jeder bekam von den Banken und Wohnbaufinanzierern sein Eigenheim auch mit null Eigenkapital finanziert. Durch die bis zum Immobiliencrash ständig steigenden Preise setzte sich die Idee des “Eigenheims als Sparkasse” durch, mit der auch gleich alle möglichen und unmöglichen anderen Bedürfnisse befriedigt wurden. Investmentbanken und Pensionsfonds wiederum investierten aufgrund der steigenden Preise ebenfalls in Immobilien und kreierten immer undurchsichtigere Produkte und “Finanzierungsinstrumente”. Bis die Blase platzte.

 

Florida empfiehlt nun eine für seine Landsleute besonders schmerzliche Konsequenz, nämlich sich “vom alten Dreamteam des Konsums, Haus und Auto” zu verabschieden. Vielmehr müssten die Amerikaner wieder von einer “Eigentümer-” zu einer “Mietergesellschaft” werden. Das sei schon deshalb sinnvoll, weil die zu enge (auch emotionale) Bindung an ein Eigenheim die in Krisen- und Umbruchszeiten besonders notwendige Mobilität erschwere. Ein “neues Zeitalter der Sparsamkeit und Einfachheit” sieht Florida ebenfalls nicht anbrechen — allerdings werde sich “die Art des Konsums” weiterentwickeln zu einem eher nachhaltigen Konsum.

 

Lösungsansätze à la Florida

 

Arbeitsplätze in Industrie und Produktion sieht Florida auch in Zukunft unweigerlich weniger werden. Jedoch, die Lösung naht (S 146ff): “Gerade die Vorstellung, nur Arbeitsplätze im Produktions- und Hightech-Bereich könnten Innovation und Wachstum hervorbringen, hat die Wirtschaft in ihre derzeitigen eingefahrenen Arbeitsmarktbahnen gebracht und hält sie darin gefangen […] Wenn wir Dienstleistungen erst einmal als Quelle von Innovationen und Produktivitätssteigerungen erkennen, können wir anfangen, die Löhne entsprechend den Produktivitätsgewinnen zu erhöhen, die diese Arbeiter erzielen.”

 

Wenn es um die Um- und Neugestaltung alter Industriestädte wie Detroit oder Pittsburgh geht, vertraut Florida auch nicht auf “von oben verordnete Kommunalpolitik”, sondern bringt viele Beispiele erfolgreicher Community- und Grassroot-Initiativen. In genau solchen Initiativen liegt auch die Kraft der “Regionalisierung”, die im Prinzip eben auch für die Megaregion zutrifft, die durch real erlebbare Lebens-Zusammenhänge gebildet und definiert wird.

 

“The Great Reset” ist einerseits eine blendende Wirtschaftsgeschichte der Vereinigten Staaten von den 1870er-Jahren bis zu den Wurzeln der aktuellen Wirtschafts-Krise Anfang des 21. Jahrhunderts. Andererseits stehen wir erst am Beginn des postulierten dritten Resets und insofern ist es nicht verwunderlich, dass dieser Teil des Buches schwer greifbar wirkt. Aber wäre es wirklich sinnvoll, die Zukunft ganz konkret voraussagen zu wollen? 

 

* Florida Richard, ”The Great Reset: How New Ways of Living and Working Drive Post-Crash Prosperity“, HarperCollins Publishers, New York 2010

 

** Florida Richard, ”Reset. Wie wir anders leben, arbeiten und eine neue Ära des Wohlstands begründen werden“, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2010

 

(c) Franz Zuckriegl, 2010

 

 

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