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Graz, 17. Oktober 2015

Größe ist nicht entscheidend

Je größer das Hirn – desto schwerer ist es; üblicherweise. Intelligenter macht ein größeres Gehirn freilich nicht.

 

Der Pottwal besitzt das absolut größte Gehirn aller Lebewesen dieser Erde, die Spitzmaus das relativ größte, bezogen auf die Körpermasse. Entscheidend für die kognitiven Fähigkeiten scheinen jedoch „strukturelle Aspekte des Zentralnervensystems“ zu sein, wie eine aktuelle Meta-Analyse von Psychologen der Universitäten Wien, Göttingen und Tilburg (Niederlande) zeigen konnte.

 

Im Rahmen dieser Meta-Analyse der Daten von über 8.000 Testpersonen zeigten die Forscher, dass die Größe des Gehirns für IQ-Testleistungen nur eine untergeordnete Rolle spielt.

 

Lange ist man davon ausgegangen, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Gehirngröße und der intellektuellen Leistung gibt, „doch dieser wurde bis dato überschätzt“, sagte Jakob Pietschnig vom Institut für Angewandte Psychologie der Universität Wien gegenüber der APA. Er hat mit Kollegen in einer Meta-Analyse die Ergebnisse von 88 Studien mit mehr als 8.000 Testpersonen untersucht.

Dabei zeigte sich, dass die Größe des Gehirns für Leistungen bei IQ-Tests nur eine untergeordnete Rolle spielt. Entscheidend ist nach Angaben der Wissenschafter vielmehr die Struktur des Gehirns, also „der Aufbau von Kortex, Mittelhirn, Kleinhirn usw. und dass weiße und graue Gehirnmasse integer sind, in dem Sinne, dass sie optimal zusammenhängen – das ist viel wichtiger als dass es besonders viel davon gibt“. […]

>> Der Bericht in APA Science

 

Aber halt! Wie steht es im Abstract der Studie?

 

Positive associations between human intelligence and brain size have been suspected for more than 150 years. Nowadays, modern non-invasive measures of in vivo brain volume (Magnetic Resonance Imaging) make it possible to reliably assess associations with IQ. By means of a systematic review of published studies and unpublished results obtained by personal communications with researchers, we identified 88 studies examining effect sizes of 148 healthy and clinical mixed-sex samples (> 8,000 individuals). Our results showed significant positive associations of brain volume and IQ (r = .24, R2 = .06) that generalize over age (children vs. adults), IQ domain (full-scale, performance, and verbal IQ), and sex. Application of a number of methods for detection of publication bias indicates that strong and positive correlation coefficients have been reported frequently in the literature whilst small and non-significant associations appear to have been often omitted from reports. We show that the strength of the positive association of brain volume and IQ has been overestimated in the literature, but remains robust even when accounting for different types of dissemination bias, although reported effects have been declining over time. While it is tempting to interpret this association in the context of human cognitive evolution and species differences in brain size and cognitive ability, we show that it is not warranted to interpret brain size as an isomorphic proxy of human intelligence differences. http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S014976341500250X

 

Ja, was denn nun? Das fragt sich auch der Redakteur der österreichischen Tageszeitung Die Presse:

 

Psychologen der Uni Wien haben bestätigt, dass größere Gehirne bessere Gehirne sind. So steht es in der Publikation. In der Pressemitteilung steht es eher umgekehrt, vielleicht zum Heben der Aufmerksamkeit. […]

http://diepresse.com/home/science/4843733/Intelligenz-haengt-doch-an-der-Grosse-des-Gehirns

 

In einem aktuellen Bericht in der Welt heißt es:

 

Unversehrtheit des Gehirns ist wichtiger als das Volumen

Das Gehirnvolumen erklärt demnach etwa sechs Prozent der beobachteten Unterschiede zwischen der Intelligenz verschiedener Menschen. „Obwohl sich ein gewisser Zusammenhang nachweisen lässt, dürfte die Gehirngröße nur geringe praktische Relevanz haben“, erklärt Pietschnig. „Vielmehr scheinen Struktur und Integrität des Gehirns als biologische Grundlage von Intelligenz zu fungieren.“ Weitgehend unklar sei bisher noch, ob ein größeres Gehirn beim Menschen generell mit einer höheren Zahl an Neuronen einhergehe. […]

http://www.welt.de/wissenschaft/article147718039/Sind-Menschen-mit-grossem-Gehirn-auch-schlauer.html

 

 

Die Moral von der Geschicht?

 

Auch Wissenschaft wird wohl noch für längere Zeit interpretationsbedürftig bleiben …

 

 

Originalveröffentlichung:
Pietschnig, J., Penke, L., Wicherts, J. M., Zeiler, M., & Voracek, M. (2015) / Meta-analysis of associations between human brain volume and intelligence differences: How strong are they and what do they mean? / Neuroscience and Biobehavioral Reviews, in press.

 

 

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