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Graz, 1. Juli 2014

Experten-Interview: Mit Gerd Holzschlag, SFG Steiermark

Von Franz Zuckriegl (fz)

 

Ing. Gerd Holzschlag* ist Prokurist und Verantwortlicher für Cluster, Netzwerke und Kompetenzzentren bei der steirischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft SFG. Holzschlag zählt zu den profiliertesten Clusterexperten Europas und ist seit 1995 für die Strategie und Umsetzung der Clusterpolitik des Landes Steiermark verantwortlich. Ein Gespräch aus dem Jahr 2009 über Vergangenheit und Zukunft einer Idee.

 

Die Steiermark war in den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts eines der ersten Länder weltweit, in dem Clusterinitiativen als Strategie regionaler Wirtschaftsentwicklung implementiert wurden. Wenn Sie sich zurück erinnern: Wie hat diese Geschichte begonnen?

 

Gerd Holzschlag: 1994 waren wir mit Regionalmanagement-Kollegen aus Wales zusammen, um mehr zum Thema “Lean Enterprise” bei Prof. Dan Jones, einem international führenden Experten der Cardiff Business School, zu erfahren. Wir wollten diese Betrachtungsebene erweitern und damit auch die “Systemgrenze Unternehmen” überwinden. So stießen wir sehr schnell auch auf die Arbeiten von Michael Porter als theoretisches Modell zur Cluster-Entwicklung. Allerdings war es wichtig, dieses Modell auch praxistauglich zu machen.

 

Dazu gab es Ansätze aus der Wirtschaftsgeopgraphie ebenso wie aus der Regionalentwicklung, etwa mit der Neu-Positionierung des Ruhrgebietes, bei der damals auch das Automotive-Thema erstmals relevant wurde. Und die Kollegen aus Schweden präsentierten ihr “Triple-Helix-Modell”, also die aktive Verbindung von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Das war ein absolut neuer Ansatz zu dieser Zeit.

 

Wie sah dann die konkrete Umsetzung dieses Modells aus?

 

Gerd Holzschlag: In der Steiermark wurde erstmals in Europa die Triple-Helix auch in einer Cluster-Trägergesellschaft abgebildet. Das heißt, an der 1996 gegründeten Trägergesellschaft des Autoclusters waren neben der landeseigenen Fördergesellschaft die Leitbetriebe ebenso wie Forschungseinrichtungen beteiligt. Die Grundüberlegung war von Beginn an “Hilfe zur Selbsthilfe” für die Unternehmen. Und wir wollten die Unternehmen von Beginn an in den Strategieentwicklungsprozess integrieren. Nach drei Jahren der öffentlichen  Trägerschaft durch die SFG wurde dann eine eigene GmbH als Trägergesellschaft gegründet.

 

Hat sich daraus ein konkretes Vorgehensmodell entwickelt?

 

Gerd Holzschlag: Ja, wir haben dieses “Public-Private-Partnership (PPP)-Modell” von Anfang an in der Trägerschaft wie in der Finanzierung abzubilden versucht; ganz einfach deshalb, weil das Leistungsspektrum eines Clusters nicht ausschließlich den Unternehmen zugute kommen kann, sondern auch im Interesse des Standortes an sich stehen muss.

 

In der Entwicklung eines Clusters hat sich unser “Drei-Phasen-Modell” bewährt: In der Aufbauphase finanziert das Land Steiermark bis zu 100 Prozent der Aktivitäten; nach spätestens drei Jahren wird neben den Unternehmen auch die Wissenschaft in die Aktivitäten eingebunden und das Land gibt max. 49 Prozent der Anteile an der Trägergesellschaft ab. Nach weiteren drei Jahren beginnt die dritte Phase und das Land zieht sich bis auf mindestens 26 Prozent der Anteile an den Cluster-Gesellschaften zurück.

 

Und das Land hatte dabei nie die Befürchtung, damit auch die Themenführerschaft aus der Hand zu geben?

 

Gerd Holzschlag: Wenn Sie in einem Cluster ein wichtiges Thema über Mehrheiten in der Generalversammlung durchdrücken wollen, haben Sie ohnehin schon verloren. Vielmehr ist es entscheidend, von Beginn an ein Klima des Vertrauens aufzubauen, um breiter angelegte Projekte auch gemeinsam beginnen zu können. In der Anfangsphase eines Clusters sind aber vor allem realistisch machbare Projekte wichtig, bei denen erste Erfolge rasch sichtbar werden.

 

Können Sie da ein Beispiel nennen?

 

Gerd Holzschlag: Gerne. Im Autocluster hatten wir ganz zu Beginn ein internes Benchmarking-Projekt gestartet. Das war leider ein Misserfolg, denn als es daran ging, die internen Zahlen bekannt zu geben, um vergleichen zu können, sagten die Unternehmensvertreter: Nein. Das Vertrauen zueinander und zur Cluster-Organisation war einfach noch nicht groß genug.

 

Wir haben dann mit einem KVP-Projekt begonnen. Und im Zuge der gemeinsamen Arbeit an den “Kontinuierlichen Verbesserungsprozessen” war es dann auch möglich, zu beginnen, die Kennzahlen zu vergleichen … Im Allgemeinen sind es Projekte aus den Bereichen Qualifizierung, Marketing/PR und Organisationsentwicklung, die “schnelle Erfolge” sichtbar werden lassen.

 

Nun gibt es zwei Praxis- und Theorielinien in der Entwicklung und Steuerung von Clusterinitiativen: Einerseits jene von der Betriebs- und Volkswirtschaft kommenden und jene, die sich aus der Wirtschaftsgeographie entwickelt haben. Welchem Modell stehen Sie näher?

 

Gerd Holzschlag: Wir versuchen ein integratives Konzept aus der Perspektive der Wirtschaftsförderer. Wir blicken nicht nur “von oben” oder “statistisch analysierend” auf Regionen und Branchen, sondern versuchen praktisch, aktiv und zukunftsorientiert zu handeln. Die ersten Impulse und Inputs zu Clusterinitiativen kommen meist Top-down, sicherlich; die Entwicklungsprozesse müssen aber Bottom-up erfolgen, damit das Ganze ein Erfolg wird.

 

Auch Cluster sind nicht vor Krisen gefeit, wie wir aktuell vor allem in der Automobilbranche beobachten können. Welche Strategien kann da die regionale Wirtschaftspolitik entwickeln?

 

Gerd Holzschlag: Auf der einen Seite gibt es die Vorwärtsstrategien, indem wir offensiv in Innovationen, Forschung & Entwicklung investieren und entsprechende Aktivitäten fördern. Es sind aber auch Defensivstrategien notwendig, indem wir etwa Finanzgarantien abgeben, atypisch stille Beteiligungen eingehen oder uns an Gesellschaften zur Restrukturierung in Schwierigkeiten befindlicher Unternehmen beteiligen. Da passiert schon Vieles im Hintegrund und wir können nur hoffen, dass nicht die Worst-Case-Szenarien eintreffen und wir im vierten Quartal dieses Jahres 2009 die Talsohle durchschritten haben werden.

 

Werfen wir noch einen Blick auf die europäische Ebene: Die EU ist seit ein paar Jahren auf den Clusterzug aufgesprungen und es gibt Programmlinien zum Thema; aktuell vor allem auch zur “Vernetzung der Netzwerke” …

 

Gerd Holzschlag: Die Europäische Kommission braucht manchmal sehr lange zur Meinungsbildung. Von Mitte der Neunzigerjahre bis Anfang des neuen Jahrtausends wusste die Kommission eigentlich nichts richtig anzufangen mit dem Thema. Jetzt werden plötzlich intensivst Meta-Cluster und transnationale Verbünde gefördert. Aber ist die Clusterbildung nicht sehr stark auf die regionale Entwicklung bzw. die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit bezogen?

 

Die Grundidee aus Sicht der EU ist ja klar. Als Wirtschaftsförderer muss ich mich aber immer fragen, worin der konkrete Mehrwert — über das reine Eigeninteresse hinaus — eines Netzwerk-Verbundes liegt. Meines Erachtens könnte ein solcher Mehrwert im Forschungsbereich im 7. Rahmenprogramm liegen.

 

Warum gibt’s neben den bekannten Modellen eigentlich noch kein “Steirisches Modell der Cluster-Entwicklung”?

 

Gerd Holzschlag: Wir haben unser Modell seit 1996 ständig weiterentwickelt, theoretisch wie praktisch. Und es gibt auch einen Standortwettbewerb. Warum also sollten wir all unsere Geheimnisse verraten? Ich kann Sie aber beruhigen, wir geben unser Know-how schon weiter, ganz einfach unter Kollegen und in vielen Gesprächen und Experten-Runden. Eines ist ohnehin klar: Kein Modell passt für alle Regionen und Branchen.

 

Und auch Cluster haben ihren Lebenszyklus. Wie sehen Sie in der Zukunft die Position von Clusterinitiativen im Rahmen der regionalen Wirtschaftsentwicklung?

 

Gerd Holzschlag: Was die Cluster-Lebenszyklen betrifft, da gibt es bei uns Re-Positionierungsprozesse für jeden Cluster mindestens alle vier Jahre. Und es gibt auch Themen, die “abreifen”. Die Autocluster beispielsweise werden sich sicher zu breiter angelegten “Mobilitäts-Clustern” entwickeln müssen.

 

Zum zweiten Teil Ihrer Frage: Ich denke, dass Cluster sich in Zukunft noch stärker als wesentliche Bestandteile “regionaler und nationaler Innovationssysteme” begreifen werden müssen. Ein Vehikel wie ein Cluster muss permanent in Bewegung bleiben und sich ändern und erneuern.

 

Lieber Gerd Holzschlag, vielen Dank für das Gespräch!

 

* Ing. Gerd Holzschlag, Jahrgang 1966, ist Betriebstechniker, war von 1986 bis 1993 im globalen Vertrieb von Investitionsgütern und in der Anlagenplanung für die Papierindustrie tätig. Seit 1993 in der SFG und Innofinanz als Prokurist für die Bereiche Cluster, Netzwerke, Kompetenzzentren sowie Internationalisierung, Standortstrategie und Headquarterconsulting verantwortlich.

 

© Franz Zuckriegl, 2009

 

 

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