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Graz, 23. September 2016

Adorno, reloaded

Ein Zeitdokument der Sonderklasse: Theodor W. Adorno im SPIEGEL-Interview aus dem Jahr 1969 über die Abhängigkeiten von Theorie & Praxis, Aktionismus und Gewalt …

 

[…]

SPIEGEL: Wie wollen Sie aber die gesellschaftliche Totalität ohne Einzelaktionen ändern?
ADORNO: Da bin ich überfragt. Auf die Frage „Was soll man tun“ kann ich wirklich meist nur antworten „Ich weiß es nicht“. Ich kann nur versuchen, rücksichtslos zu analysieren, was ist. Dabei wird mir vorgeworfen: Wenn du schon Kritik übst, dann bist du auch verpflichtet zu sagen, wie man’s besser machen soll. Und das allerdings halte ich für ein bürgerliches Vorurteil. Es hat sich unzählige Male in der Geschichte ereignet, daß gerade Werke, die rein theoretische Absichten verfolgen, das Bewußtsein und damit auch die gesellschaftliche Realität verändert haben.

[…]
SPIEGEL: Woran würden Sie messen, ob eine Aktion sinnvoll ist oder nicht?
ADORNO: Einmal hängt die Entscheidung weitgehend von der konkreten Situation ab, Zum anderen habe ich allerdings gegen jede Anwendung von Gewalt die schwersten Vorbehalte. Ich müßte mein ganzes Leben verleugnen — die Erfahrungen unter Hitler und was ich am Stalinismus beobachtet habe -, wenn ich dem ewigen Zirkel der Anwendung von Gewalt gegen Gewalt mich nicht verweigern würde, Ich kann mir eine sinnvolle verändernde Praxis nur als gewaltlose Praxis vorstellen.
SPIEGEL: Auch unter einer faschistischen Diktatur?
ADORNO: Sicher wird es Situationen geben, in denen das anders aussieht. Auf einen wirklichen Faschismus kann man nur mit Gewalt reagieren. Da bin ich alles andere als starr. Wer jedoch nach der Ermordung ungezählter Millionen von Menschen in den totalitären Staaten heute noch Gewalt predigt, dem versage ich die Gefolgschaft. Das ist die entscheidende Schwelle.

[…]

Das vollständige Interview auf SPIEGEL Online:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45741579.html

 

 

Beklemmend aktuell. Nur die Adornos unserer Tage fehlen; oder werden nicht gehört …

 

 

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